Wie ein Musiker eine Hilfsaktion für die Ukraine startete

Mathias Wieczorek in seinem Unterichtsraum

30.04.2022: Der Weg führt durch verwinkelt Kellerräume. Kartons überall, sortiert nach einem ausgeklügeltem System. „Eigentlich könne man hier unten arbeiten und bräuchte nichts anders mehr zu tun“, sagt Mathias Wieczorek, 60 Jahre, freiberuflicher Musiker und Gründer der Initiative Ukraine-Hilfe Roßlau.

Es ist Freitag, später Nachmittag, vor ein paar Stunden ist er aus Wurzen zurückgekehrt, das Auto voll beladen mit einem Dutzend Rollstühle und Rollatoren.

Angefangen hat alles am ersten Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Mathias’ Frau Karin hängte in ihrem Frisörsalon vor dem Einfamilienhaus in einer Roßlauer Seitenstraße einen Zettel aus und bat um Spenden für die Ukraine. Mathias fing an, aus seinem Adressbuch eine WhatsApp-Gruppe zusammenzuklicken, die aktuell 106 Mitglieder zählt. Sehr schnell verwandelte sich der Keller der Wieczoreks in ein Lager für Hilfsgüter. „Da kamen plötzlich Leute mit Taschen, die kannte ich gar nicht.“ Die Berufsschule, in der er Musikunterricht gibt, stellte ihm Waren für 1000 Euro vor die Tür.

Der erste Transport mit 45 Tonnen Hilfsgütern startete Mitte März Richtung Lwiw. „Von der Caritas bekamen wir ein Lager zugewiesen in die Nähe von Lwiw.“ Vierzehn Tage später waren es 10 Tonnen, die man direkt nach Lwiw brachte, eine Stadt, in die Zehntausende vor dem Krieg geflohen sind. Einige von denen, drei Frauen und vier Kinder, nahm Mathias mit nach Halle. Und er schwor sich: „Das ist nicht das letze Mal, du machst so lange weiter, bis der Scheiß vorbei ist.“

Seither ist er ständig unterwegs. Telefoniert mit Großhändlern. Sammelt auf einer Familienfeier 1400 Euro. Tut sich zusammen mit dem Verein Buntes Roßlau, um Spenden korrekt verbuchen zu können. Er steht auf, kramt einen Ordner hervor, blättert darin: „Ich kann alles belegen.“

Warum nacht er das? Er sei so erzogen worden. Zu Hause musste der schwerkranke Onkel gepflegt werden, für alle und ihn eine Selbstverständlichkeit. Als junger Mann wusch er im Krankenhaus, in dem seine Mutter arbeitete, die Verstorbenen und half, sie aufzubetten, weil sich das so gehöre.

Die Hilfsbereitschaft blieb. 2015 kümmerten sich die Wieczoreks um eine syrische Flüchtlingsfamilie, mit der sie heute noch Kontakt halten. 2021 fuhr Mathias in Ahrtal und kehrt bis heute regelmäßig dahin zurück, um einen Hotelier zu helfen, bei dem er Jahre zuvor aufgetreten ist.

Ob ihm das nicht alles irgendwann zu viel werde. Mathias schüttelt den Kopf: „Für mich ist das ein Glücksgefühl.“